KULTUR und  LEBEN
PLATTFORM ZUM WEITERDENKEN


Leben

Reden wir an dieser Stelle ein wenig über das Leben, über unsere Gesellschaft und Zukunft, über drei grundsätzliche Fragen, die wir uns stellen müssen: Ist alles tatsächlich so wie es auf den ersten Blick scheint? Was könnte sich aus dem, was heute bereits rund um uns erkennbar ist, entwickeln, in unserem Leben bevorstehen? Wie kann ich, soll ich mein Leben gestalten? Hier finden sich Denkanstöße, keine Lehrmeinungen, keine Feststellungen aus Expertenwissen heraus, sondern ganz einfach Beiträge, die zum Nach- und Weiterdenken anregen sollen.


28.02.2020

Krisenhirn

Es ist so praktisch, über hypothetische oder von uns weit entfernte Krisen zu diskutieren, nein, besser: zu schwadronieren. TV-Talks, Gesprächsrunden intelligenter Menschen, Vorträge in klugen Zirkeln – was kann da nicht alles gesagt, prophezeit, abgelehnt oder kritisiert werden…
Wenn’s aber nah bei uns, uns direkt betrifft oder betreffen kann – wie aktuell die Virus-Epidemie, dann plötzlich tritt unser Stammhirn-Sensorium in Aktion, unser „Reptilienhirn“, wie man in der Psychologie vereinfachend sagt. Und dieser frühevolutionäre Reflex steuert unser Verhalten unmittelbar: Angriff, Flucht und Passivität lauten die Werkzeuge, mit denen unsere nicht von Verstand und Vernunft, sondern vom diffusen Gefühl geleitete Aktion bestimmt wird. Darüber kommen wir, zugegeben, nicht leicht hinweg, ist doch der Hirnstamm der älteste und tiefliegendste Teil des menschlichen Gehirns, der alle lebenswichtigen Bereiche wie Atmung, Herzschlag oder Darmtätigkeit steuert.
Man könnte zwar meinen, weil im Gegensatz zu den niedrigen Wirbeltieren, wie eben den Reptilien, dieser Gehirnteil bei uns nicht fast die gesamte Hirnmasse ausmacht, sondern nur einen gewissen und zudem tief verborgenen Teil, wir imstande sind, mit Problemen oder Gefahren vernunftmäßig umzugehen. Aber, wie so oft in so vielen Alltags- und Lebenssituationen: Emotion schlägt Verstand – zumindest fürs Erste.
Doch wenn es um Emotion geht, dann ist bei Gefährlichem, nicht Fassbarem sofort auch die Angst mit im Spiel. Seit dem großen Philosophen Sören Kierkegaard verstehen wir, dass Angst ein „Grundtatbestand unseres Lebens“ ist, wie er es genannt hat. Je weniger man etwas „im Griff“ hat, desto mehr Ängste entstehen, und das oft auch unbewusst. Das ist zweifellos bei etwas Neuartigem, wie eben jetzt, der Fall. Doch Angst ist ein schlechter Ratgeber, sie aktiviert nämlich unmittelbar unser Stammhirn-Sensorium mit seinem allzu einfachem Aktionsmuster.
Dabei, meine ich, ist die Passivität, das „Totstellen“, das schon im Überlebenskampf der Natur nur mangelhaft funktioniert, für den „homo sapiens sapiens“ die unbrauchbarste aller Varianten. Zu glauben, wenn ich die Decke über den Kopf ziehe, wird alles wieder gut, hat schon im Kinderzimmer nicht geklappt. Und Flucht… ist die feige, kleinmütige Variante. Die steht einem Menschen, der Mensch sein und sein Leben in der Hand haben will, gar nicht an. Bleibt also der Angriff, der aber heißt für das sich gerne als „homo sapiens sapiens“ bezeichnende Individuum: Sich bewusst dem Thema stellen, was sagt mir die zur Verfügung stehende Information, welche Schlüsse ziehe ich persönlich daraus, wie handle ich verantwortungsvoll für mich und meine nächste Umgebung. Tue ich das, dann gehe ich über den Startreflex des hunderte Millionen Jahre alten Krisenhirns hinaus und verwende die mir im Laufe der Evolution geschenkten zusätzlichen grauen Zellen, Hirnwindungen und Synapsen.

gerfri - 10:23 @