KULTUR und  LEBEN
PLATTFORM ZUM WEITERDENKEN


Leben

Reden wir an dieser Stelle ein wenig über das Leben, über unsere Gesellschaft und Zukunft, über drei grundsätzliche Fragen, die wir uns stellen müssen: Ist alles tatsächlich so wie es auf den ersten Blick scheint? Was könnte sich aus dem, was heute bereits rund um uns erkennbar ist, entwickeln, in unserem Leben bevorstehen? Wie kann ich, soll ich mein Leben gestalten? Hier finden sich Denkanstöße, keine Lehrmeinungen, keine Feststellungen aus Expertenwissen heraus, sondern ganz einfach Beiträge, die zum Nach- und Weiterdenken anregen sollen.


11.02.2020

Was wird sein?

Es ist so eine Sache, wenn sich Künstler ihre Köpfe darüber zerbrechen, was einmal sein wird. Wie wir in Zukunft leben werden, wie unsere Gesellschaft überhaupt überleben kann, was mit unserer Welt geschehen wird. So geschieht es derzeit in einer bemerkenswerten Ausstellung im Artscience Museum in Singapur. „Futures imagined“ heißt es da und will ganz einfach von Künstlern gestaltete subjektive Schlaglichter auf die kommenden 200 Jahre werfen. Aber halt: Hier kommt keine Ausstellungsbeschreibung, denn darum geht’s mir nicht.

Natürlich: Bei solchen Gelegenheiten treten einerseits allzu gerne Kritiker auf den Plan, um zu räsonieren, dass ein Maler, Bildhauer oder Aktionskünstler zwar vielleicht provozieren kann, jedoch einem Wissenschaftler mit dessen Hochrechnungen von bereits heute festzustellenden Entwicklungen in puncto Seriosität unterlegen ist. Andererseits, meine ich, entwickeln sich das Leben und seine Umstände nicht bloß ganz einfach nach Trendberechnungen und – wie die Vergangenheit gezeigt hat – oft ganz anders als mit dem scheinbar klaren Blick eines Technikers oder Mathematikers hochgerechnet. Wer konnte schon im Jahr 1900 berechnen, wie das Leben in Europa etwa im Jahr 1950 politisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich tatsächlich sein würde – nach zwei damals trendanalytisch noch nicht „einplanbaren“ Weltkriegen, den in ihrer Konsequenz nicht wirklich absehbaren vielfältigen technischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Verwerfungen…

Also wieder einmal dieses Polarisieren zwischen Gefühl-Instinkt-Seele und Logik-Statistik-Rationalität, das zwar unser Menschsein ausmacht, dessen antipodischer Widerstreit jedoch, wenn eine dieser beiden Seiten in der Beurteilung eines Zustandes oder einer Entwicklung zu starkes Gewicht erhält, oft in die Irre führt. Und deshalb gefällt mir übrigens der in Singapur gewählte Ansatz sehr gut: Hier haben Künstler wissenschaftliche Trendanalysen als Grundlage für ihre Arbeit genommen. Diese Installationen und Videowerke sind zwar naturgemäß provokant, aber in ihrer plakativen Form und Unterschiedlichkeit sehr eindringlich. Interessante Kunstschaffende wie John Akomfrah, Sarah Choo Jing, Alvin Pang oder Rimini Protokoll haben daran mitgewirkt.

Was wirklich sein wird in 200 Jahren, weiß niemand, kann keine Trendberechnung voraussagen, lässt sich mit logischer Analyse nicht ausrechnen. Wenn wir aber Wissenschaft und Gefühl in Gleichklang bringen, erkennen wir ganz leicht, dass wir, also: die Menschheit, an einer Weggabelung angelangt sind. Unsere Ressourcen werden knapp, neue Ideen brauchen leider neue Ressourcen, der Kampf ums Wasser wird zunehmend die politisch-wirtschaftliche Gefahrenquelle, wir sind in verschiedener Weise dabei, die Welt immer weniger lebensmöglich zu machen – wir werden unser Leben umgestalten müssen, wenn wir weiter existieren wollen. Nichts wirklich Neues, könnte man einwerfen, derlei Dystopisches hören wir eh oft.

Aber was uns Künstler, wie jene in Singapur, im buchstäblichen Sinn vor Augen führen, ist das Grundsätzliche, nämlich dass nur der Rückzug des Menschen von seinem unbeherrschten Weltveränderungswahn und Ausbeutung der Welt eine Chance gibt. Und dass für uns Menschen die Chance in jeder Lebensfrage nur im sinnvollen Ausgleich von Verstand und Gefühl liegt.

gerfri - 09:04 @